Text
Ron Ulrich + Andreas Bock
Fotos
Sebastian Wells

Erdogan-Foto, WM-Debakel, Rücktritt und Rassismusdebatte. Die Causa Mesut Özil spaltet ein Land. Chronik eines verhängnisvollen Sommers.

D ie Villa von Mesut Özil liegt in Highgate, einem vornehmen Stadtteil im Norden von London. Sie soll mehrere Millionen Pfund gekostet haben, wirkt aber von außen dezent. Die Fassade ist aus Backstein, weiße Streben umrahmen die Fenster und den Eingangsbereich, englisches Understatement. Wer einen großen Namen in der englischen Hauptstadt hat, kann hier trotzdem in Ruhe leben.

In der Halle, von der eine Wendeltreppe in den ersten Stock führt, hängen zahlreiche Bilderrahmen, alle mit demselben Motiv: einem Flamingo. „Die waren schon drin, als ich die Rahmen gekauft habe“, erklärte Özil, als wir ihn 2016 für eine Geschichte besuchten. Seine Freunde aus Gelsenkirchen spielten im Wohnzimmer Playstation. Özil zog ein Arsenal-Trikot über, das ihm der Fotograf reichte. Das Shooting dauerte länger als eine halbe Stunde, doch Özil blieb gelassen. Bitte mit Trikot, bitte ohne Trikot, bitte lächeln, bitte nachdenklich. Er antwortete auch auf alle Fragen, zurückhaltend zwar, aber stets freundlich. Nur in welcher Bar er später seinen Geburtstag feiern würde, das wollte er nicht sagen. Er tat, als hätte er die Frage gar nicht gehört, und dann ging er durch eine große Tür ins Wohnzimmer und kam nicht mehr zurück.

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Diese Begebenheit ist zwei Jahre her, trotzdem hilft sie, den mittlerweile 29 Jahre alten Fußballprofi besser zu verstehen. Einerseits wollte er mit seinen Freunden wirklich ungestört bleiben, unhöflich wollte er aber auch nicht wirken. Also verschwand er einfach, ganz so, als fiele es gar nicht auf. Als wäre er gar nicht der, um den es geht. Und wenn es doch noch Fragen gibt? Dafür steht doch der Berater bereit.

Ab dem 13. Mai 2018 verschwand Mesut Özil wieder vor Nachfragen. An jenem Tag ließ er sich mit den Premier-League-Profis Ilkay Gündogan und Cenk Tosun neben dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan fotografieren. Das Bild sorgte für Verwerfungen, wie es sie seit Toni Schumacher und seinem Skandalbuch „Anpfiff“ nicht mehr um einen deutschen Fußballspieler gegeben hatte. Es wurde ein Politikum, das die Nation spaltete. Der Vorwurf: Özil habe sich von einem Autokraten instrumentalisieren lassen. „Özils und Gündogans schäbige Propaganda“, titelte die „Bild“. Später, als in Kasan die deutsche Elf gegen Südkorea verloren hatte, wurde Özil schnell als Hauptschuldiger ausgemacht, Berichte über die Blamage vorwiegend mit ihm bebildert. Ein großer Teil der Öffentlichkeit aber kritisierte vor allem den DFB, weil die Funktionäre schwiegen, anstatt den Spieler vor dem rassistischen Gebelle von Rechtsaußen zu schützen. Die Kanzlerin meldete sich zu Wort, Innenminister Horst Seehofer, die AfD, die Linke. Erdogan selbst verkündete nach Özils Rücktritt: „Ich küsse seine Augen.“

Manager Oliver Bierhoff und DFB-Präsident Reinhard Grindel fahren beim Thema Özil einen Zickzackkurs.

Im September 2018 ist all das, die Affäre um Özil und die folgenden gesellschaftlichen Kontroversen, immer noch nicht aufgearbeitet. Nationalspieler, DFB-Verantwortliche, Berater, Wegbegleiter und Freunde von Özil – die meisten von ihnen wollen nur hinter vorgehaltener Hand über den fatalen Fußballsommer reden. Bundestrainer Joachim Löw, Manager Oliver Bierhoff und DFB-Präsident Reinhard Grindel standen für ein Gespräch nicht zur Verfügung. Man müsse nun wieder nach vorne schauen, hieß es. Dabei sind noch so viele Fragen offen. Wie kam es überhaupt zu dem Foto mit Erdogan? War es ein bewusst gesetztes Statement? Warum äußerte sich Özil so spät? Und wie wirkte sich dieses Foto auf die Nationalelf aus? Erste Antworten auf all diese Fragen gibt es dort, wo die Affäre ihren Anfang nahm: in London.

In einem türkischen Restaurant im multiethnisch geprägten Norden der Stadt sitzt der Mann, den deutsche Medien gerne den „Strippenzieher hinter Erdogangate“ nennen. Er trägt einen blauen Pullover über weißem Hemd, spricht mal eloquent, mal emotional. Erkut Sögüt, Ende 30, Anwalt und Berater von Mesut Özil, will sich, anders als sein Schützling, erstmals ausführlich äußern. „Da schwirren Unmengen an Verschwörungstheorien über mich herum. Das ist wirklich traurig“, sagt er.

Sögüt stammt aus Hannover, die Eltern kamen als Gastarbeiter nach Deutschland und verdienten ihr Geld als Putzkraft oder in der Fabrik, ähnlich wie in Özils Familie. Sögüt schaffte es auf ein Gymnasium, ein Ausflug mit seiner Klasse nach Usedom kurz vor dem Abitur Ende der Neunziger hat sich tief in sein Gedächtnis eingeprägt. Die Kinder mit ausländischen Wurzeln konnten das Camp nicht verlassen, weil Nazis vor den Türen lauerten und auf sie Jagd machen wollten. Die Klasse sei mit Polizeischutz aus dem Ferienlager gebracht worden, erzählt Sögüt.

Özils Berater sagt: „Es war eine Frage des Respekts, den Präsidenten zu treffen. Mesut hat keinen Fehler gemacht. Dabei bleibt es“

Während seines Jurastudiums arbeitete er als Kellner, verteilte Flyer oder verkaufte Döner, um sich über Wasser zu halten. Sögüt verstand sich als Teil einer neuen Generation von Gastarbeiterkindern, die Ambitionen hatte, Anwalt oder Arzt zu werden, und sich nicht mehr bevormunden lassen wollte. Sögüt wollte ins Fußballgeschäft, knüpfte Kontakt zum Manager Harun Arslan, der Bundestrainer Joachim Löw berät. Arslan war zunächst skeptisch. Erst als der ehrgeizige junge Mann vorschlug, einen AgenturNewsletter zu starten, öffnete sich ihm die Tür zu Arslan – und später auch zu Özil. 2012 übernahmen Sögüt und Mutlu Özil, Mesuts Bruder, den Posten als Berater. Doch erst das Foto von Mesut Özil mit Erdogan rückte Sögüt in den Fokus der Öffentlichkeit. Warum – die große Frage – hat er es nicht verhindert?

Für Sögüt ist das eine merkwürdige Frage. „Warum sollte ich? Mesut ist alt genug, er hat seinen eigenen Kopf. Er kennt den Präsidenten seit acht Jahren, viel länger als mich.“ Er selbst habe erst einige Tage vor dem Treffen von Özil erfahren, dass Erdogan auch kommen würde, sagt der Berater. Die türkische Stiftung „Turken Foundation“ hatte ins Londoner Luxushotel „Four Seasons“ geladen. Sie vergibt Stipendien an Studenten im Ausland. Im Vorstand sitzt unter anderem die Tochter des türkischen Präsidenten Erdogan. Fragen zur Veranstaltung beantwortet die Stiftung knapp: „We have no comments.“ Die Premier-League-Spieler Mesut Özil, Ilkay Gündogan und Cenk Tosun waren persönlich eingeladen worden. Auch Nationalspieler Emre Can, damals in Diensten des FC Liverpool, soll eine Einladung erhalten haben, meldete die „Welt“. Das stimmt: Can besprach sich nach der Einladung mit Vertrauten und verzichtete dann auf einen Besuch.

Dass Erdogan vor Ort sein würde, war bereits Anfang Mai klar, so berichten Teilnehmer. Die Veranstaltung sei deshalb vom „Victoria and Albert Museum“ in die Meetingräume des Luxushotels verlegt worden. Am Sonntag, den 13. Mai, hielt Erdogan eine Rede zum Dinner, er traf die drei Spieler in einem Nebenraum. Zehn Minuten lang hätten sich die Spieler und Erdogan über Fußball unterhalten, sagt Sögüt, der dabei war. Um sie herum ungefähr 15 Personen, unter anderem der Fotojournalist Kayhan Özer von der türkischen Nachrichtenagentur „Anadolu“, der den türkischen Präsidenten auf Reisen begleitet. Er schoss die Bilder des Treffens, will sich heute auf Nachfrage aber nicht mehr an ihre Entstehung erinnern.

In der Türkei standen im Juni Präsidentschaftswahlen an, Erdogans Partei AKP verbreitete am folgenden Tag um halb zehn Uhr morgens die Fotos, die Spieler hingegen veröffentlichten die Bilder auf ihren Seiten in den sozialen Netzwerken nicht – wegen der derzeit schwierigen Beziehungen beider Länder, wie Gündogan später zugab. In Deutschland reagierten Fußballfunktionäre und Politiker umgehend entrüstet. Um 16.50 Uhr twitterte DFB-Präsident Reinhard Grindel, es sei nicht gut, dass sich die Nationalspieler für Erdogans Wahlkampfmanöver missbrauchen lassen. „Der Integrationsarbeit des DFB haben unsere beiden Spieler mit dieser Aktion sicher nicht geholfen.“

Erkut Sögüt sagt dazu: „Es ist eine Frage des Respekts, den Präsidenten zu treffen, wenn dieser darum bittet. Die beiden haben sich in all den Jahren immer wieder getroffen, das war in der deutschen Öffentlichkeit nie ein Problem.“ In der Tat: Erstmals trafen sich Özil und Erdogan 2010, vor dem Zusammentreffen in London hatte Özil den Präsidenten bereits am 29. Oktober 2017, dem türkischen „Tag der Republik“, in Ankara besucht. Aber in den vergangenen acht Jahren haben sich nicht nur die Politik Erdogans und sein Vorgehen gegen missliebige Gegner, sondern auch das Verhältnis zu Deutschland nachhaltig verändert. Sögüt sagt: „Sollen wir Mesut also sagen: Jetzt darfst du den Präsidenten nicht treffen, aber in zwei Monaten wieder? Das leuchtet doch nicht ein.“

Es ist schwer nachvollziehbar, das Amt des Präsidenten von der Politik Erdogans zu trennen. „Für die Deutschen mag das schwierig zu verstehen sein, aber bei uns ist das so. Es ging Mesut nie um Politik. Dafür interessiert er sich nicht.“ Mit dem Berater über die türkische Politik und die Repressionen etwa gegen Journalisten zu sprechen, erweist sich als schwierig. „Ich bin dagegen, dass ein Journalist, egal wo auf der Welt, aufgrund seiner journalistischen Tätigkeit verfolgt wird“, sagt er, schränkt aber gleich ein: „Allerdings: Wenn jemand eine Straftat begeht, dann kann er auch dafür strafrechtlich verfolgt werden. Egal ob Journalist oder Anwalt.“ Was das konkret bedeutet? „Ich gehe darauf nicht im Detail ein. Das ist auch nicht meine Aufgabe.“ Dass das Foto Erdogan im Wahlkampf gerade im Hinblick auf die Stimmen der in Deutschland Wahlberechtigten half, will Sögüt so nicht stehenlassen: „Das kann so aussehen. Aber in Wirklichkeit hat die deutsche Presse mit ihren ausufernden Berichten dem Präsidenten viel mehr geholfen. Viele Wahlberechtigte in Deutschland haben gedacht: Jetzt erst recht!“, sagt er. Eine Absage des Treffens, glaubt er, hätte keinerlei Konsequenzen für die Spieler in der Türkei gehabt.

Was deutlich wird: Mesut Özil und sein Berater empfinden das Treffen nicht als Fehler. Ilkay Gündogan hatte direkt am Tag nach dem Foto erklärt, er könne verstehen, „dass man die Aktion nicht gut finden muss. Wir haben durch unsere türkischen Wurzeln noch einen sehr starken Bezug zur Türkei. Das heißt aber nicht, dass wir jemals behauptet hätten, Herr Steinmeier sei nicht unser Bundespräsident oder Frau Merkel nicht unsere Bundeskanzlerin“. Özil und Sögüt diskutierten eine solche Erklärung, doch sie kam für Özil damals nicht in Frage. Erst recht, nachdem Gündogan beim WM-Vorbereitungsspiel gegen Saudi-Arabien trotz des Statements ausgepfiffen wurde. „Da ging es nicht mehr ums Foto, da haben einige ihren Rassismus ausgelebt“, sagt Sögüt. Nun wird aus dem „wir“ ein „ihr“. „Das ist alles scheinheilig. Matthäus trifft Putin in Moskau – wo ist da der Druck von euch? Ich habe nichts gehört von einer Rücktrittsforderung oder einer Erklärung des DFB-Ehrenspielführers. Der Druck gegen Mesut war jeden Tag da, es war eine Hetzkampagne.“ Die Wucht der Empörung überraschte das Özil-Umfeld. Sponsoren wie Mercedes Benz nahmen Özils Bilder aus ihrer Kampagne und stornierten Werbeauftritte – und auch Özils alte Schule distanzierte sich.

Die Gesamtschule Berger Feld liegt im Schatten der Arena, sie kooperiert seit vielen Jahren mit dem FC Schalke 04. Im Flur hängen Bilder von Manuel Neuer, Ralf Fährmann und Joel Matip, eine Art „Wall of Fame“, sie alle gingen hier zur Schule. Mesut Özil schaute häufig vorbei, wenn er mal wieder in Gelsenkirchen war. Er war mit einigen Lehrern befreundet und unterstützte die Schule finanziell. Manchmal bezahlte er Schülern aus finanziell schwachen Familien die Teilnahme an Klassenreisen. Eine Woche nach dem Foto mit Erdogan wollte Özil mit Vertretern zweier Stiftungen zu seiner Schule reisen, doch dann sprangen die Partner ab. Özil entschied kurzerhand, den Besuch selbst zu organisieren. Im Telefongespräch mit Berater Sögüt soll die Schulleiterin Maike Selter-Beer diese Idee abgelehnt haben.

In der Türkei wird Özil gefeiert, in Gelsenkirchen abgelehnt – aus Angst vor AfD-Anhängern

Quellen aus Gelsenkirchen bestätigen: Sie fürchtete einen riesigen Presseaufmarsch und Proteste der in der Stadt anwachsenden AfD-Anhängerschar. Die Schulleitung will sich dazu nicht mehr äußern. Für Özil war diese Absage in seiner Heimatstadt ein Schock, der einen großen Einfluss auf seine spätere Erklärung haben sollte.

Gelsenkirchen war schon immer seine Trutzburg. Er hatte seine alten Kumpels aus der Olgastraße auf seine Stationen nach Madrid oder London in die weite Welt mitgenommen, manchen von ihnen Jobs verschafft. Gelsenkirchen symbolisierte die unbeschwerte Jugend mit Jungs aus aller Welt, wo nur zählte, was auf dem Platz passiert. Nun, in diesem Mai 2018, fühlte er sich selbst in seiner Heimat unerwünscht und verstoßen.

Zu diesem Zeitpunkt sah Joachim Löw in Özil und Gündogan immer noch nur die Fußballer und dachte gar nicht daran, sie nicht für die WM zu nominieren. Doch im DFB wurde die Forderung nach einer Reaktion laut. So rief Löw Özil in dessen Urlaub an und überredete ihn zu einem Treffen mit dem Verband am folgenden Samstag im Berliner Hyatt-Hotel. Neben DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius erschien auch Löws Berater Harun Arslan, weil an diesem Tag die Verträge mit dem Trainerteam unterschrieben werden sollten. Im Gespräch mit dem DFB-Trio Grindel, Bierhoff und Löw wurde Arslan hinzugezogen, als Kenner von beiden Seiten: der türkischen und der deutschen. Ilkay Gündogan war an jenem Tag gesprächig, Özil stiller. Gündogan war es auch, der zuerst in Berlin eingetroffen war und ein Treffen mit dem deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier vorgeschlagen hatte. Özil war davon überrascht, er musste überzeugt werden.

Er wandte sich an Sögüt. „Er hatte Bauchschmerzen bei der Aktion. Es ging ihm nicht um den Bundespräsidenten, sondern um den Zeitpunkt. Das Ganze wirkte wie eine Inszenierung als Reaktion auf das Foto eine Woche zuvor“, sagt Sögüt. Er riet seinem Schützling: „Es ist gut, wenn du da mitgehst. Aber: Du entscheidest. Du sollst dich nicht gezwungen fühlen.“ Es musste schnell gehen: Das Bundespräsidialamt sagt auf Nachfrage, erst am Freitagabend von der Idee erfahren zu haben. Am späten Samstagnachmittag, dem 19. Mai, trafen sich Gündogan und Özil ohne Begleiter knapp eine Stunde mit Steinmeier im Schlossgarten von Bellevue. Ein gutes Gespräch, fanden sie, auch weil der Bundespräsident Verständnis für ihre Situation zeigte. „Ein Mensch kann mehr als eine Heimat haben, und neue Heimat finden“, schrieb Steinmeier danach in einer Erklärung. Ihre Zitate hätten die Spieler vorher gegengelesen, heißt es aus Bellevue, der DFB war nicht beteiligt. Steinmeiers Stab veröffentlichte das Statement, der DFB seines mit Foto vom Gespräch mit Grindel, Löw und Bierhoff. Alle Beteiligten waren sich sicher, nun würde sich die Aufregung legen. Sie sollten sich irren.

Nach dem Erdogan-Foto regt Gündogan ein Treffen mit Bundespräsident Steinmeier an. Özil wird davon überrascht.

Mesut Özil ist vielen Fußballfans in Deutschland über die Jahre fremd geblieben, obwohl er von der DFB-Führung gerne als Musterbeispiel gelungener Integration präsentiert wurde. Interviews verstand er selten als Chance, eher als Last. Medientermine nahm er nur widerwillig wahr und ließ sie auch mal platzen. Zu oft sollte er sich rechtfertigen. Warum singt er die Nationalhymne nicht mit? Warum hat er sich in Mekka fotografieren lassen? Warum das Foto in der Kabine mit Angela Merkel 2010? Warum das Foto mit Erdogan? Sein ehemaliger Lehrer Jochen Herrmann sagte der „Welt“ einmal, Özil sei schon als Schüler „ein wenig autistisch“ gewesen. Der ehemalige Klassenlehrer Christian Krabbe formulierte es gegenüber 11 FREUNDE mal weniger drastisch: „Er war bescheiden und stand nicht gerne im Mittelpunkt. Er wollte eigentlich nur Fußball spielen. Und das ist bis heute so.“

Personen aus Özils Umfeld boten ihm nach dem Foto mit Erdogan Hilfe an. Sie wollten ihm eine Erklärung schreiben oder Journalisten suchen, mit denen er in einem entspannten Rahmen ein erklärendes Interview führen könnte. Aber Özil reagierte entweder gar nicht oder lehnte die Vorschläge ab. Er wollte sich nicht rechtfertigen, sich nicht entschuldigen.

Es gibt Fußballprofis, die mit Beratern und Medientrainern jahrelang an ihrer Außendarstellung arbeiten. Einige werden so von schüchternen Jungprofis zu eloquenten Wortführern. Özil hingegen wirkt trotz eines großen Betreuerstabs bis heute, als verliere er den Halt, wenn er die ordnenden Linien des Fußballplatzes verlässt und ins grelle Licht der TV-Kameras treten muss. Seine Welt hat sich Özil abseits des gesprochenen Wortes aufgebaut, eine Welt von Social-Media-Kanälen mit vielen Millionen Followern und Fans. Hier fühlt er sich sicher, genau wie in der Gemeinschaft seiner Vertrauten und Verwandten.

Özils Familie stammt aus Devrek, einer Kleinstadt in der Schwarzmeerprovinz Zonguldak. Der Fußballer ist gewissermaßen der bekannteste Enkel der Stadt, eine Straße und ein Platz sind bereits nach ihm benannt. Vor der WM 2018 grüßte Özil im DFB-Trikot von einer großen Plakatwand. Mittlerweile hat die Stadt dieses Bild gegen einen Aufsteller ausgetauscht, darauf das Bild mit Erdogan. Als sich Özil 2009 für die deutsche Nationalmannschaft statt für die türkische entschied, wurde er von den türkischen Fans angefeindet: „Verräter“, „Hurensohn“ und „Du bist kein Türke mehr“. Erdogan hat Özil nach Hause gebracht, so sehen sie das nun in Devrek. Ortsvorsteher Abdurrahman Yanaz jubelte gar: „Wir sind stolz auf Mesuts Entscheidung, die deutsche Nationalmannschaft zu verlassen. Wir Einwohner dieses Dorfes lieben ihn sehr.“ Eine Entschuldigung fürs Foto mit Erdogan, das hätten sie Özil wirklich übelgenommen.

Mesut Özil wuchs mit seinen Geschwistern im Gelsenkirchener Arbeiterstadtteil Bismarck auf. In der Bornstraße 30, mit zersplitterten Fensterscheiben, abgerissenen Klingelschildern, zerbeulten Briefkästen. An den Fenstern hängen Fahnen von Schalke 04, auf den Autos kleben Sticker von Galatasaray. 2017 stimmten in dieser Gegend rund 75 Prozent der Wahlberechtigten für Recep Tayyip Erdogan, zehn Prozent mehr als im Durchschnitt.

Özils großes Vorbild war stets Zinédine Zidane, auch ein Einwandererkind mit gelebtem Rocky-Traum: from zero to hero. Özils Hund hört auf den Namen „Balboa“. Fast alle Jugendfreunde waren Kinder von Migranten, von Libanesen, Polen oder Kurden. Neun von zehn Nachbarn der Özils hatten ausländische Namen, die meisten türkische. Viele kamen als Gastarbeiter, reich wurden sie nicht. Auch die Özils hatten nicht viel, der Vater arbeitete in einer Lederfabrik, in einem Kiosk, mal war er arbeitslos. Die Mutter ging putzen, von sieben Uhr morgens bis 16 Uhr und noch einmal drei Stunden am Abend.

„Mama hat keine Zeit für Hobbys, und weil sie immer arbeiten muss, auch keine Zeit für uns“, schreibt Özil in seiner Biografie. Bis zu seinem vierten Lebensjahr sprach er nur Türkisch. Er sagte „Günaydin, Baba“, guten Morgen, Papa, wenn er sich an den Frühstückstisch setzte und die Eierspeise Menemen aß. Die Älteren waren die „Abis“, große Brüder, Autoritätspersonen, denen man, so hatte es der junge Mesut gelernt, nicht widerspricht und die man nicht anzweifelt. In den Kindergarten ging er nicht, des Geldes wegen. Deutsch lernte er erst in der Schule, mit den meisten Mitschülern sprach er weiter Türkisch.

Wie sehr junge Türken um Akzeptanz, um Anerkennung kämpfen müssen, das erfuhr Özil erst außerhalb dieses Kosmos. In seiner Biografie schreibt er: „Es kam mir vor, als würden ein Matthias oder Markus oder Michael immer bevorzugt ausgewählt.“ Viermal fuhr er zu Sichtungslehrgängen, nie gehörte er zu denjenigen, die für die E- oder D-Jugend ausgewählt wurden. Auch in seinem eigenen Klub fühlte er sich manchmal benachteiligt. Als Spieler von Rot-Weiss Essen schoss er in einem Derby gegen Schwarz-Weiß sieben Tore. Beim nächsten Spiel saß er wieder auf der Bank, angeblich weil der Vater eines deutschen Mitspielers den Verein finanziell unterstützte und wollte, dass sein Sohn spielt.

Schon zu Beginn seiner Profizeit wurde Özil mehrmals rassistisch beleidigt. Der NPD-Politiker Klaus Beier sagte 2012 in einer Rundfunksendung, Özil sei „ein Plaste-Deutscher, sprich ein Ausweis-Deutscher“. Damals warf sich der DFB rasch für seinen Spieler in die Bresche. „Wir werden den Fall juristisch prüfen lassen”, erklärte Präsident Theo Zwanziger. „Wir sind stolz darauf, dass Mesut Özil deutscher Nationalspieler ist. Dies ist das Zeichen für das Deutschland, das sich der DFB wünscht – ein freies, tolerantes und selbstbewusstes Land, in dem kein Platz für nationalistisches Denken und Rassismus ist.”

Özil traute sich entgegen seines Naturells nach vorne, lernte eine Rede auswendig, als er mit dem Integrationsbambi geehrt wurde. Lächelte auch bei den Vielfalt-Kampagnen des DFB in die Kamera, schüttelte Angela Merkel die Hand. Er selbst wollte nur Fußballer sein, aber das reichte nicht mehr. Wie schnell ihm jene Rolle als Integrationsheld jedoch aberkannt wurde, zeigte nicht nur der Sommer 2018, sondern schon die EM 2012. Nach dem Halbfinalaus bekam seine Agentur haufenweise Drohanrufe. Jerome Boateng erklärte diese Attacken mit einem Gedanken, den Özil später aufgriff: „Wenn du für Deutschland spielst, wie Mesut, Sami oder ich, und alles läuft positiv, dann sagt man: ,Das sind Deutsche.‘ Aber wenn etwas Schlechtes passiert, sieht man plötzlich die andere Seite. Das ist dann alles nicht mehr deutsch.“

In Russland galt Özil rasch nicht mehr als Deutscher, er war seit der Pleite gegen Mexiko das Gesicht der Krise und am Ende nach Meinung einiger Anhänger nicht einmal mehr wert, das Trikot zu tragen. Nach dem Spiel gegen Südkorea pöbelte ihn ein Fan von den Rängen an: „Verpiss dich, du scheiß Türkensau. Türkenschwein, hau ab!“

Update

Die Beleidigung wurde von DFB-Mitarbeitern protokolliert und führte zu einem Stadionverbot für den Fan, da dessen Fan-ID vor Ort geprüft worden war.

Nach Hefterscheinen meldete sich dieser Fan bei 11Freunde und schilderte die Ereignisse so: Er habe nach dem Spiel gegen Südkorea seinen "Frust abgelassen", aber Özil niemals rassistisch beleidigt. Stattdessen habe er gerufen: "Verpiss dich zu deinem Erdogan." Sein Bruder, der neben ihm stand, bestätigte diese Version. Beide wollten anonym bleiben.

Erneute Anfragen an alle beteiligten DFB-Mitarbeiter beantworteten diese mit einem Verweis auf die Pressestelle. Diese schrieb dazu: "Solange sich Mesut Özil nicht zu dem Thema einlässt, sehen wir keine Veranlassung, uns weiter zu den Abläufen zu äußern." Demnach standen weder Reinhard Grindel noch Oliver Bierhoff und Joachim Löw auch nach Erscheinen des Artikels für ein Gespräch zur gesamten Causa zur Verfügung.

In Russland schließt sich kein Kreis. Die deutsche Elf zerfasert in mehr als zwei Grüppchen.

Die Beleidigung von der Tribüne war der Schlussakt einer total verkorksten deutschen WM, in der die Mannschaft von Joachim Löw mit zahllosen Problemen zu kämpfen hatte, die Özil-Affäre war nur eines davon. In Gesprächen wird deutlich: Für die Spieler war das Foto nie so ein großes Thema wie für die deutsche Öffentlichkeit. Einige konnten dem Vernehmen nach allein mit dem Namen Erdogan nicht viel anfangen. In einer Teamsitzung besprachen sie kurz das Thema, doch keiner soll sich länger zum Foto eingelassen haben. Viele Nationalspieler waren mit den Gedanken sowieso woanders: Zwischen den Einheiten hockten sie oft einzeln in ihren Zimmern und zockten online miteinander Spiele wie Fortnite, manchmal bis tief in die Nacht. An den Essenstischen saßen sie in mehr als zwei Grüppchen zusammen, und anders als kolportiert waren diese auch nicht klar durch die scherzhaft verwendeten Begriffe „Kanaken“ und „Kartoffeln“ zu unterscheiden.

Dass sich in einer Mannschaft Gruppen bilden, ist so normal wie an jedem anderen Arbeitsplatz. Das war schon bei vorherigen Turnieren so, Mats Hummels und Jerome Boateng beispielsweise werden sicher keine Freunde mehr. In Watutinki tobte kein Kampf verfeindeter Clans. In der Krisensitzung nach dem Mexiko-Spiel diskutierten junge und alte, etablierte und nassforsche Kicker eine Stunde lang weitestgehend sachlich, Kimmich meldete sich genauso ausführlich zu Wort wie Manuel Neuer, Toni Kroos oder Boateng. Hummels hingegen hielt sich während der Analyse zurück.

Es gab zwar keinen Streit, wohl aber vermissten die Spieler das Zusammengehörigkeitsgefühl der WM 2014. In Russland fehlte das gemeinsame Ziel, das Einzelinteressen übertünchte, und auch Typen wie Per Mertesacker als Kitt. So summierten sich Kleinigkeiten zur Missstimmung: Manche Spieler meckerten über die Überheblichkeit etablierter Kollegen oder den ständigen Ausfall von TV oder Wasser in Watutinki. Einige waren unzufrieden mit der fehlenden Kontersicherung, plädierten für die Dreierkette oder fragten sich, warum im Training kaum Standards trainiert wurden. Und Özil? Eine Runde der Spieler grummelte über seine Sonderbehandlung, als er den „Media Day“ im Trainingslager in Eppan schwänzen durfte. Alle mussten dabei mit den Medien sprechen, Özil verweigerte sich.

Bundestrainer Löw redete Özil im Mai noch ins Gewissen, nach der WM ignorierte dieser seine Anrufe.

Sein Schweigen nervte einige Kicker, doch niemand sah darin den entscheidenden Grund für das Aus. Mats Hummels sagte erst Anfang September dem „Kicker“: „Ich habe das Foto nicht als so einflussnehmend auf unsere Leistung erachtet, wie es am Ende wahrscheinlich doch war.“ In Russland war Özil selten ein Thema, in Deutschland gab es derweil fast kein anderes.

Der notorische Mario Basler schimpfte von der „Körpersprache eines toten Froschs“. In „Bild“ formulierte Lothar Matthäus die Ferndiagnose, Özil fühle sich im Nationaltrikot nicht wohl, und Chefkolumnist Alfred Draxler erblickte in Özils geschlossenem Mund bei der Nationalhymne mangelnde Identifikation mit Deutschland. All das war Taktgeber für rechtsnationalen Furor. AfD-Politiker wetterten gegen Özil: „Im Türkei-Trikot fühlt er sich bestimmt wohler!“ Ein hessischer SPD-Stadtrat nannte ihn „Ziegenficker“, und der Intendant des Deutschen Theaters in München forderte allen Ernstes: „Verpiss dich nach Anatolien.“


Bis heute bleibt völlig unklar, warum dem niemand im vielköpfigen DFB-Tross entgegentreten wollte. Stattdessen wurde nach dem Turnier der Eindruck verstärkt, Özil sei verantwortlich für das sportliche Abschneiden. Oliver Bierhoff kritisierte Anfang Juli gegenüber der „Welt“ Mesut Özil als einzigen Spieler: „Man hätte überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet.“ Kurz darauf sagte Reinhard Grindel im „Kicker“: „Für mich ist völlig klar, dass sich Mesut, wenn er aus dem Urlaub zurückkehrt, auch in seinem eigenen Interesse öffentlich äußern sollte.“ In der Tat äußerte sich Özil nach seinem Urlaub, aber sicher nicht im Sinne des DFB-Präsidenten.

Im Urlaub reift Özils Entschluss. Er schickt Stichpunkte, die Vertrauten basteln die große Erklärung

Die Entscheidung zum Rücktritt und einer langen Erklärung traf Özil nach seinem Urlaub in London. Schon in den Wochen zuvor hatte er seinen Vertrauten um Sögüt Medienberichte und Stichpunkte zugeschickt, aus denen sie einen Text konzipierten. Die Erklärung verfassten sie auf Englisch, um möglichst viele Fans zu erreichen. Viele von Özils digitalen Followern leben in Indonesien, Nordafrika oder Brasilien. Auf eine Übersetzung ins Deutsche oder Türkische wie bei vorherigen kürzeren Posts verzichtete Sögüt, Englisch als Weltsprache erschien ihm als einfachster Weg. Der Rücktritt eines Nationalspielers auf Englisch war ein Novum und bot Angriffsfläche.

Am 23. Juli erschien über den Tag verteilt auf Özils Social-Media-Kanälen der in drei Teile gegliederte Text. Im ersten Teil nahm er zum Foto Stellung, im zweiten ging er auf das Verhalten von Medien und Sponsoren ein. Abschließend erklärte er seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Özil war da mit dem FC Arsenal auf dem Weg nach Singapur, Sögüt selbst verfolgte die Reaktionen in London. Beim DFB heißt es, noch einige Tage zuvor habe es aus Özils Lager Signale des Weitermachens gegeben. Sögüt will bereits am Morgen vor der Erklärung den Bundestrainer über Özils Rücktritt und die Erklärung informiert haben, Löw sprach vom späten Abend. Danach herrschte vollständige Funkstille.

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Etwa eine Woche vor der groß angekündigten WM-Analyse von Löw und Bierhoff schrieben sie jeweils SMS an Özil und versuchten, ihn anzurufen. Der reagierte nicht. Dafür sprach Sögüt mit Löw und Bierhoff. Özil sei krank gewesen und werde sich bald melden, versicherte er ihnen. Das Verhältnis sei weiterhin intakt, so Sögüt. Wegbegleiter von Özil sagen: „Mesut hat einfach Angst, es seinem Förderer Löw persönlich zu sagen.“

Dem DFB-Präsidenten Grindel warf Özil in seiner Erklärung Diskriminierung und Rassismus vor. „In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren. Leute mit rassistisch diskriminierendem Hintergrund sollten nicht länger im größten Fußballverband der Welt arbeiten dürfen.“ Viele deutsche Medien und Politiker, aber auch der Münchner Theaterchef stünden „für ein Deutschland der Vergangenheit, ein Deutschland, das nicht für neue Kulturen offen ist, und ein Deutschland, auf das ich nicht stolz bin“. Die Behandlung durch den DFB und viele andere bringe ihn dazu, nicht länger das deutsche Nationaltrikot tragen zu wollen.

Die Kritik an Grindel war hart, sie wurde mit drei Aussagen aus dem Jahr 2004 belegt. Damals hatte der CDU-Politiker konstatiert: „Multikulti ist Kuddelmuddel“, „eine lebenslange Lüge“ und „Die islamische Kultur ist in vielen deutschen Städten tief verwurzelt“, dazu hatte Grindel gegen die doppelte Staatsbürgerschaft für Deutsch-Türken votiert. Was zwar Grindels konservativen Geist belegt, für den Rassismus-Vorwurf aber reichlich dünn erschien. Sögüt sagt nur: „Mesut hat Grindel kennengelernt und diesen Eindruck von ihm gewonnen.“

Nach Özils Rücktritt warf ihm ein Teil der Öffentlichkeit vor, die „Nazikeule“ zu schwingen, der andere feierte ihn für seinen Mut. Im Netz teilten viele Menschen ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus.

Die nunmehr ehemaligen Mitstreiter aus der Nationalmannschaft hingegen hielten sich auch jetzt noch zurück. Bis auf Jerome Boateng, Julian Brandt und Julian Draxler drückte keiner der sonst auf den sozialen Netzwerken permanent aktiven Profis sein Bedauern über den Rücktritt ihres langjährigen Mitspielers aus. Umso lauter polterte Bayerns Präsident Uli Hoeneß, Özil habe in den letzten Jahren „nur Dreck gespielt“, er wolle mit dem Rassismusthema nur von seinen mauen Leistungen ablenken. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge assistierte und sprach von einer „Phantomdiskussion“.

An diesem Punkt erhebt auch Erkut Sögüt im Londoner Restaurant die Stimme und setzt zu einer mehrminütigen Suada an: „Wenn hier irgendjemand ablenken will, dann sind es diese beiden. Und zwar von der Leistung ihrer eigenen Spieler, von ihrer Steuerhinterziehung, ihren unverzollten Rolex-Uhren und von der Vetternwirtschaft in ihrem Verein. Rummenigges Bruder Michael und Hoeneß’ Bruder Dieter sind als Spielerberater aktiv. Michael wollte vor einigen Jahren Mesut abwerben. Ich habe kein Wort von den Bayern gehört zu den rassistischen Ausfällen des Theaterchefs in ihrer Stadt. Äußert euch doch mal dazu!“

In der deutschen Nationalmannschaft, in der Özil neun Jahre spielte, hält sich das öffentliche Bedauern über den Rücktritt in Grenzen. Bei der Pressekonferenz vor dem Frankreich-Spiel im September hakten vor allem ausländische Journalisten zum Thema Rassismus in Deutschland nach, Spieler und Trainer wiegelten ab. Thomas Müller hatte schon vorher gesagt, von Rassismus im Sport und in der Nationalelf könne keine Rede sein. Kroos sprach von „Quatsch“ in Özils Erklärung. Neuer und Löw wiesen entschieden zurück, dass es Rassismus im Team gegeben habe. Das aber war gar nicht das Thema, was außer Antonio Rüdiger aber niemand artikulierte: „Was ich in dieser ganzen Diskussion nicht verstehe, ist, warum teilweise darüber diskutiert wird, ob es innerhalb der Nationalmannschaft Rassismus gebe. Das hat doch auch Mesut selbst nie in einem Satz behauptet.“

„Müller, Neuer und Kroos sind entweder naiv oder berechnend. Ihre Worte sind mehr als enttäuschend“

Auch Sögüt ist verstimmt: „Löw verteidigt sich gegen einen Vorwurf, der nie erhoben wurde. Neuer wirft Mesut indirekt vor, nicht mit Stolz das deutsche Nationaltrikot getragen zu haben. Das ist nicht akzeptabel. Müller hat die Diskussion nicht verstanden. Und Kroos sollte als gestandener Nationalspieler erklären, was er mit dem Vorwurf ,Quatsch‘ meint. Die Worte von Neuer, Müller und Kroos sind mehr als enttäuschend und deplatziert. Für die Aussagen der drei gibt es nur zwei Erklärungen: Sie sind entweder naiv oder berechnend. Mesut wurde nicht im Team, sondern von der Mitte der Gesellschaft rassistisch angefeindet – da hätte ihn der DFB schützen müssen.“

Fraglos hat Sögüt die Debatte um den Rassismus in Deutschland auch deshalb emotional angefasst, weil sie ihn daran erinnerte, wie er unter Polizeischutz ein Ferienlager auf Usedom verlassen musste. Damals warnte der Heimleiter, das Ganze bloß nicht an die Öffentlichkeit zu bringen. Vielleicht gerät manche Formulierung auch deshalb so scharf. Sögüt sagt zum Schluss: „Deutschland ist kein rassistisches Land, aber es hat ein immer größer wachsendes Rassismus-Problem.“

Erkut Sögüt ist seit sechs Jahren an der Seite von Özil, auch beim Treffen im Luxushotel „Four Seasons“.

Der DFB-Präsident hat mittlerweile eingeräumt, dass er Özil mehr hätte schützen müssen. Dennoch bleiben am Ende reichlich Vorwürfe auf allen Seiten und wenig Selbstkritik. Sögüt sagt: „Vielleicht hätte man über das sportliche Auftreten einige Sätze verlieren können, aber jeder weiß, dass Mesut mit der WM unzufrieden war – wie alle Spieler. Außerhalb des Platzes hat er keinen Fehler gemacht. Dabei bleibt es.“

Der WM-Sommer 2014 fühlte sich leicht an, wie eine Klassenreise, die nie enden wird. Der WM-Sommer im Jahr 2018 wirkte von Anfang an bleiern und schwer. War die Diskussion zu groß für den Fußball, in dem vieles simplen Erklärungsmustern folgt? Eine überkomplexe Debatte für eine unterkomplexe Branche. Sie ähnelte irgendwann einem Theaterstück, das einen klaren Beginn hatte, aber kein Ende. In dem es weder den einen Guten noch den einen Bösewicht gab. In dem sich aus kleinsten Nebensätzen neue Wendepunkte ergaben, weshalb sich irgendwann kaum noch jemand traute, überhaupt etwas zu sagen.

Fall abgewendet. Ilkay Gündogan spielt weiter für Deutschland, die Pfiffe der Fans werden leiser.

Schnell war man mittendrin in einer Diskussion um Identität, Rassismus und Integration, und wie man im Fußball damit umgeht. Bundestrainer Löw hatte nur den sportlichen Erfolg im Blick und klammerte alles andere aus. Oliver Bierhoff wollte seine Sponsoren nicht verprellen und die Probleme mit ein paar Floskeln wegmoderieren. Reinhard Grindel ging es vor allem um die deutsche EM-Bewerbung, er konnte keine komplizierten Diskussionen gebrauchen und fuhr einen Zickzackkurs. Erst Kritik, dann Appelle an Özil, gefolgt vom Stillhalteabkommen, dann wieder Aufforderung zum Statement. Özils Mitspieler erstarrten vor der Größe dieser Debatte und verloren den Überblick. Was soll man schon sagen, wenn man sonst Bilder vom neuen Sportwagen postet? Dann war da noch Erkut Sögüt, der Mann in Özils Hintergrund. Vielleicht erkannte er irgendwann, dass er sich verrannt hatte, wie einige Personen aus seinem Umfeld vermuten. Nur konnte er da nicht mehr ohne Autoritätsverlust zurück. Sie alle haben die Lage komplett unterschätzt.

Beteiligte der Gespräche räumen ein: „Wir waren komplett ahnungslos, und so haben wir das Thema Özil auch behandelt.“ Zu guter Letzt Özil selber: Gefeiert und angefeindet von Türken und Deutschen – und als Figur in beiden Ländern benutzt. Integrationsmaskottchen hier, stolzer Türke dort, zerrieben zwischen den Kulturen. Erst verzichtete er auf ein Statement, dann verschloss er sich komplett. Er ist ein Mann, der sich in unangenehmen Momenten eher zurückzieht. Und ein komplett anderer Typ als Ilkay Gündogan, der sich rhetorisch klug ausdrücken kann und sich deswegen etwas nach vorne traute. Gündogan spielt weiter für den DFB, gegen Frankreich pfiffen ihn deutlich weniger Fans aus. Heilt die Zeit auch bei Özil die Wunden?

Früher hat er oft gesagt, dass er nach Deutschland zurückkehren wolle, um dort seine Karriere zu beenden. In den Augen seiner Freunde scheint das nun ausgeschlossen. Vielleicht wird er in London bleiben. Mit seiner türkischen Freundin und den Kumpels aus Gelsenkirchen. Samstags im Arsenal-Stadion zaubern und am Abend Videospiele zocken in seiner Villa in Highgate. In der neben türkischen Möbeln Erinnerungsfotos aus Deutschland hängen.


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